Unter dem Titel «Wie christliche Fundamentalisten ihre wahren Motive verschleiern» hat die NZZ am 31. August den «christlich-konservativen» Gegnern der «Ehe für alle» verdeckte Homophobie und vorgeschobene Motive unterstellt. Für SEA-Generalsekretär Andi Bachmann-Roth ist die im Artikel vertretene unliberale Haltung gegenüber Menschen, die aus religiösen Gründen gegen die Vorlage sind, nicht hinnehmbar. Zudem kritisiert er in der folgenden Replik, die als Leserbrief in der NZZ vom 6. September erschienen ist, die einseitige Kritik an Studien zum Kindswohl und fordert von der NZZ mehr Argumente und weniger Voreingenommenheit.

 

Es ist legitim, seine Haltung mit religiösen Motiven zu begründen. Und im Fall des christlichen Glaubens führen die religiösen Motive zu Respekt und Toleranz gegenüber anderen Meinungen. Es waren religiöse Exklusivisten, welche als erste überhaupt Verfassungen mit vollumfänglicher Meinungs- und Religionsfreiheit realisiert haben (Roger Williams, Massachusetts Bay Colony)

 

Christliche Gegner der Ehe für alle sind, so Simon Hehli, in Wahrheit vornehmlich homophobe Fundamentalisten. Mit dieser unliberalen Haltung wird nicht nur verkürzt, sondern eine ganze Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Haltung gecancelt.

 

Tatsächlich argumentiert die Schweizerische Evangelische Allianz SEA für die Ehe von Mann und Frau ohne religiöse Argumente. Säkulare Menschen sollen mit Argumenten angesprochen werden, welche anschlussfähig sind. Solche Strategien sollten jeder Organisation zugestanden werden, welche nur im Geringsten den Anspruch hat, in der öffentlichen Debatte etwas zu bewegen. Religiöse Motive im öffentlichen politischen Diskurs derart zu problematisieren, wie dies im von Simon Hehli genannten Artikel getan wird, finde ich hingegen äusserst schwierig. Eine wachsende Gruppe von Menschen weltweit begründet ihre Werte und Überzeugungen religiös. In einer pluralistischen Demokratie müssen diese Werte selbstverständlich nicht von allen geteilt werden. Aber Menschen müssen ihre Argumente auch religiös begründen dürfen, ohne gleich stigmatisiert zu werden.

 

Simon Hehli unterstellt, dass religiösen Motiven tendenziell Homophobie zugrunde liegen muss. Ich bin in den letzten Tagen vielen Christen begegnet, die Freundschaften mit homosexuellen Menschen pflegen, jedoch gegen die Ehe für alle sind. Der christliche Glaube bringt viele Christen dazu, Ehe als eine Verbindung von Mann und Frau zu sehen. Vor allem aber leitet sie ihr Glaube an, alle Menschen zu lieben – unabhängig ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung, Ethnie etc. Gerade jene Menschen, welche sich zur Wahrheit des christlichen Glaubens bekennen, sind besonders pluralismusfähig.

 

Simon Hehli will das Argument des Kindswohls nicht gelten lassen, weil die Studien der Gegner der Ehe für alle tendenziös seien. Er vergisst zu erwähnen, dass die meisten Studien, welche zum gegenteiligen Schluss kommen, von Menschen durchgeführt wurden, die selber homosexuell empfinden. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Datenlage der meisten Studien zu dünn ist, um heute eine Aussage über das Kindswohl machen zu können. Aus diesem Grund hat die Moderatorin in der Sendung «Treffpunkt» auf SRF auf eine breite Diskussion der Studien verzichtet. So sieht informierter Journalismus aus. Übriges ist die SEA gegen die sogenannten «Konversationstherapien», u.a. weil sie Homosexualität auch nicht als Krankheit ansieht. Ich erwarte von der NZZ mehr Argumente und weniger Voreingenommenheit gegenüber Menschen, denen eine religiöse Begründung ihrer Werte wichtig ist.

 

SEA-Generalsekretär Andi Bachmann-Roth