Das Christentum trägt keine weisse Weste, was die Vergangenheit von Wissenschaftsfeindlichkeit und Kindesmissbrauch zeigt. Matthias Egg und Andi Bachmann-Roth, beide im Leistungsteam der SEA-Arbeitsgemeinschaft Denkbar, vertieften in Kurzreferaten die beiden Themen und legten so den Grundstein für den Austausch in kleineren Gruppen zur Frage, welche Argumentationslinien im Umgang mit Anfragen an die moralische Integrität der Christen/Kirchen sinnvoll sind.  

 

Die perfekte Reaktion auf Anschuldigungen zum Erbe an Gewalt und Unterdrückung im Christentumgibt es nicht. Matthias Egg führte den Denkbar-Anlass in Zürich mit drei Reaktionen ein, die allesamt nicht förderlich sind: Man könne differenzieren, das Ganze in den Zusammenhang stellen und fragen, wie schlimm es wirklich ist. Oder man lenkt den Blick auf das Positive und auf das, was das Christentum alles Gutes hervorgebracht hat. Eine dritte Möglichkeit ist der Vergleich, ob Nicht-Christen denn wirklich anders handeln, also den Blick auf die Anderen zu lenken. 

 

Der Mythos der Wissenschaftsfeindlichkeit am Beispiel von Galileo Galilei 

Im folgenden Impulsreferat ging der Wissenschaftsphilosoph Matthias Egg der Frage auf die Spur, wie wissenschaftsfeindlich die Christen zur Zeit von Galileo Galilei wirklich waren. Dieser und ähnliche Vorwürfe werden bis heute vorgetragen. Galileo Galilei, ein bekannter Philosoph und Physiker hat im 17. Jahrhundert einige neue Theorien aufgestellt, welche nicht dem damaligen Weltbild entsprachen und darum zu seiner Verurteilung durch die katholische Kirche führten. Unter anderem deshalb wird der Kirche Wissenschaftlichkeit vorgeworfen. In der genaueren Betrachtung relativieren sich diese Vorwürfe jedoch. 

 

So wird Galilei unter anderem eine angebliche Gottesferne nachgesagt. «Im Gegenteil, er war gemäss den Quellen ein gläubiger Mensch, der um ein Bibelverständnis rang, in dem die Wissenschaft anerkannt ist», so Matthias Egg. Diese Einstellung zum Verhältnis von Glauben und Wissenschaft wurde später von der Kirche übernommen. Der damaligen Kirche wird zudem Religiosität und Wissenschaftsfeindlichkeit vorgeworfen. Tatsächlich gab es einige Vertreter, die Galilei in seinem Bestreben unterstützten, die Mehrheit jedoch hielt an den alten Gedanken fest. Klar wird, dass die häufig konstruierten Gegensätze am Beispiel von Galilei nicht aufgehen.  

 

Das Erbe des Kindesmissbrauchs 

An den Anfang seines Kurzimpulses zu Kindesmissbrauch stellte Andi Bachmann-Roth, Theologe und Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA, eine Entschuldigung. Eine Entschuldigung gegenüber allen im Raum, welche diese Art von Missbrauch in einem kirchlichen Kontext erleben mussten. Dies sei wichtig, reiche aber nicht. Darum plant die SEA das Netzwerk «Gemeinsam gegen Grenzverletzung», ein Netzwerk, in dem Kirchenverbände sich dazu verpflichten, dieses Thema anzupacken und Schritte zu gehen. 

 

Gemäss einer globalen Studie ist jedes fünfte Mädchen von Missbrauch betroffen, in der Schweiz sind es 22 Prozent aller Frauen. Statistiken über Missbrauch in Kirchen für Deutschland, Österreich und die Schweiz gibt es kaum. Die umfassendste solche Studie wurde in Australien von einer staatlichen Untersuchungskommissiongemacht. 5 Prozent der Missbräuche fanden im institutionellen Kontext statt, davon 58,6 Prozent in religiösen Einrichtungen, worunter auch Bildungseinrichtungen mit religiösem Hintergrund fallen. Die Hälfte der Täter hatten ein kirchliches Amt inne.  

 

Doch wird die Kirche nicht mit anderen Ellen gemessen? Ja, ist Andi Bachmann-Roth überzeugt, denn an sie werden zurecht moralisch höhere Ansprüche gestellt. Dies sei aber kein Grund für die Medien, die Kirche als Missbrauchsinstitution darzustellen. 

 

Er machte sich auf die Suche des Problems, indem er fragte, ob der Glaube oder die Strukturen der Kirche an sich Missbrauch fördern. Theologische Richtungen, die grundsätzlich Augenhöhe, Selbständigkeit und Transzendenzfähigkeit verneinen, seien problematisch. Als Kirchen seien wir stattdessen aufgerufen, eine Theologie zu verfolgen, die den Gläubigen als Subjekt des Glaubens und nicht als blossen Empfänger versteht. Faktoren, die Kindesmissbrauch in der Kirche begünstigen, sind beispielsweise leitende Personen mit Charisma, die ihren Status missbrauchen, oder wenn die Sexualität an sich tabuisiert wird. Dagegen sollten Leitende eine Kultur pflegen, in welcher man über Grenzen spricht und verbindliche Standards definiert, Meldestellen etablieren und auf Rollenklarheit achten. 

Weitere Informationen

Referat «Wissenschaftsfeindlichkeit» von Matthias Egg (folgt in Kürze) 

Referat «Kindesmissbrauch» von Andi Bachmann-Roth (folgt in Kürze)