Gott suchen, Vertrauen schenken, Orientierung bieten, die Gemeinschaft stärken: Dabrina Bet-Tamraz und Meinrad Schicker, beide krisenerprobt, gaben an der online abgehaltenen Delegiertenversammlung der Schweizerischen Evanglischen Allianz SEA wertvolle Impulse weiter für ein gutes Miteinander, wenn die Einheit auf dem Prüfstand ist. An der anschliessenden Geschäftssitzung sprachen sich die Delegierten für die Aufnahme der Kapstadt Verpflichtung als Grundlagendokument in die SEA-Statuten aus und wählten Susanna Rychiger in den Vorstand.

Interview mit Dabrina Bet-Tamraz und Meinrad Schicker

Die beiden Gäste an der Delegiertenversammlung der SEA, Dabrina Bet-Tamraz und Meinrad Schicker, eint ihre Erfahrung im Umgang mit Krisensituationen. Die Iranerin aus einer christlichen Familie war in ihrer Heimat aus Glaubensgründen zeitweise inhaftiert und flüchtete in die Schweiz, wo sie mittlerweile als Pastorin arbeitet. Sie spricht mit einer gewissen Gelassenheit über ihre schwierige Vergangenheit: «Krisen gehören zum Leben, Verfolgung gehört zum Glauben. Mit der Zeit sind sie zur Normalität geworden und man nimmt sie hin im Vertrauen auf Gottes Wort.» Die studierte Theologin berichtet davon, wie sie Gottes Wirken erlebt hat, als die Kirchen von der Regierung geschlossen wurden. Das Wichtigste sei immer die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern gewesen: «Es stärkt dich enorm, wenn du weisst, dass im Gefängnis neben dir noch ein anderer Christ da ist.» Deshalb fanden die Christen im Iran auch kreative Möglichkeiten, trotz Kirchenschliessungen Gottesdienste zu feiern. Sie verlegten sie zum Beispiel in Restaurants oder Busse.

 

Ohne die Pandemie und ihre Folgen in der Schweiz kleinreden zu wollen, sind im Vergleich hierzulande «die Reibereien doch bescheiden», wie es Meinrad Schicker ausdrückte. Der Thuner Pastor und langjährige ehemalige Sektionspräsident sprach an der DV über schwierige Momente unter den Kirchen in Thun, etwa als unerwartet Leitungspersonen aus dem Leben gerissen wurden. Es galt, unterschiedliche theologische Ansichten zum Umgang mit Leiden und Heilung auszuhalten. Als Präsident war er gefordert, einende und Orientierung stiftende Worte zu finden: «Natürlich beten wir für Heilung, aber wir können den Himmel nicht auf die Erde zwingen, denn Gott ist und bleibt souverän.» Erschütterungen im Miteinander gehören für Meinrad Schicker dazu, «sonst gibt es nur Friedhofsruhe». Die aktuellen Erschütterungen durch die Pandemie sieht er vor allem als Stresstest für die individuelle Gottesbeziehung und die zwischenmenschlichen Beziehungen: «Halten sie, wenn die Strukturen und das Programm wegfallen?» Deshalb rät Dabrina Bet-Tamraz: «Sucht Gott und stärkt die Gemeinschaft.»

 

Neuerungen im Vorstand
Bereits nach einem Jahr im SEA-Vorstand musste Präsident Wilf Gasser Irene Rodrigues wieder verabschieden. Sie brachte primär die Stimme der Migrantengemeinden in den Vorstand ein; nun zieht es sie mit ihrer Familie in die Heimat ihres Mannes nach Brasilien. Nach fünf Jahren im Vorstand galt es auch von Sabine Fürbringer Abschied zu nehmen, die bei Campus für Christus tätig ist. Neu gewählt wurde Susanna Rychiger. Sie gründete und leitete bis vor Kurzem die Bewegung 24-7-Prayer in der Schweiz und wird besonders das Gebet als ihre Leidenschaft mit in den Vorstand tragen.

 

Aus finanzieller Sicht gab das herausfordernde Jahr 2020 trotz einem leichten Minus Anlass zu grosser Dankbarkeit. Zwar musste ein bisheriger Grossspender aus wirtschaftlichen Gründen seinen Beitrag stark reduzieren, doch konnte diese Lücke teilweise durch andere Spenden aufgefangen werden. Dennoch mahnte dieser Umstand zu einer vorsichtigen Budgetierung 2021. Gleichzeitig wagte der Vorstand mit einer Pensenaufstockung für die interkulturelle Arbeit einen mutigen, vertrauensvollen Schritt. Eine Fundraising-Offensive und eine Mitgliederaktion sollen auch im laufenden Jahr zu einem ausgeglichenen Ergebnis beitragen.

 

Angepasste Grundlagen in den Statuten
Auf Antrag des Vorstands genehmigte die Versammlung zwei Anpassungen in den Statuten, die faktisch nur den formellen Nachvollzug bereits gelebter Praxis bedeuten: Neu dienen der SEA als Grundlagen ihrer Arbeit auch die Glaubensbasis der SEA und die Kapstadt Verpflichtung. Erstere ersetzt die Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz, die sich nur in Details von jener der SEA unterscheidet. Letztere kommt ergänzend als neueres Dokument (2010) zur Lausanner Verpflichtung (1974) hinzu.

 

Die Delegiertenversammlung der SEA lebt immer auch stark von den Begegnungen untereinander. Dieser Aspekt kam unter den gegebenen Umständen diesmal zu kurz. Umso grösser ist die Vorfreude auf die Jubiläumsfeier im nächsten Jahr: Am 7. Mai werden die SEA und das Réseau évangélique suisse RES voraussichtlich in Biel gemeinsam das 175-jährige Bestehen der Allianz in der Schweiz begehen.