Die NZZ hat zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan die Gebetsaktion «30 Tage Gebet für die islamische Welt» scharf kritisiert und den evangelischen Christen Scheinheiligkeit unterstellt. Einige der vom Journalisten vertretenen Auffassungen sind aus Sicht der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA fragwürdig und bedürfen einer Reaktion. Der folgende Leserbrief von SEA-Generalsekretär Marc Jost ist in einer gekürzten Fassung in der NZZ-Ausgabe vom 21. Mai erschienen.

 

Die NZZ nimmt in einem Kommentar Bezug zur seit Jahren laufenden Gebetsaktion der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA, während der islamischen Fastenzeit Ramadan für die muslimische Welt zu beten. NZZ-Religionsredaktor Simon Hehli sieht hinter dieser Aktion nicht nur eine «paternalistische Gesinnung», sondern auch eine «scheinheilig» kommunizierte «Liebe für die Nächsten». Er schreibt, die Liebe gelte nicht den Muslimen als Muslimen, sondern 1,5 Milliarden Menschen als potenziellen Objekten der Missionierung. Da aus Sicht der SEA den Muslimen ein entscheidender Makel anhafte: ihr Glauben. Der NZZ-Fachredaktor behauptet weiter, dass solche Positionen Gift für den Religionsfrieden seien und ein solcher Dialog ohne gegenseitige Akzeptanz zum Scheitern verurteilt sei.

 

Im Kommentar wird Christen unterstellt, bei dieser Gebetsaktion gehe es ihnen nicht wirklich um den Frieden und das Wohl der Menschen in der muslimischen Welt. Das ist eine böswillige Unterstellung, die davon ausgeht, dass das Ringen um den guten und wahren Glauben per se nicht vereinbar sei mit einem friedlichen Zusammenleben. Wenn Christen jedoch für Mitmenschen beten und ihren Glauben vermitteln, geht es nach ihrem Verständnis immer um das Wohl und den Frieden des Gegenübers und der Gemeinschaft insgesamt. Dass Christen den Frieden und das Wohl einer Gesellschaft gerade in ihrem eigenen Glauben am besten widerspiegelt sehen, ist nicht übergriffig, sondern eine sinnvolle und berechtigte Überzeugung in einer pluralistischen Welt. Nächstenliebe sollte gerade nicht auf Kritik am Glauben oder den Überzeugungen des Gegenübers verzichten, wenn dies respektvoll geschieht. Sonst ist sie unehrlich und damit wäre sie in der Tat heuchlerisch. Wichtig erscheint uns dabei, dass die Integrität des Gegenübers anerkannt wird, dass man sich kritisch mit dem Wahrheitsanspruch des Gegenübers auseinandersetzt und gewillt ist, die positiven moralischen Wirkungen einer anderen Religion anzuerkennen.

 

Wer – wie der NZZ-Kommentator – meint, Religionsfrieden liesse sich nur fördern, wenn die eigene Überzeugung aufgegeben und die Position des Gegenübers «akzeptiert» wird, verkennt, dass die monotheistischen Religionen seit Jahrhunderten im Ringen um die Wahrheit stehen. Der Grund für Konflikte ist gerade dort gegeben, wo diesem Ringen kein Raum mehr geboten wird; sei es durch Konversionsverbote oder durch «postmoderne Redeverbote», wie sie Simon Hehli offenbar vertritt. Religionsfreiheit als ein immer zentraler werdendes Menschenrecht fördert den religiösen Frieden. Und diese Freiheit umfasst eben gerade das Äussern gegensätzlicher Positionen und ja, sogar den Wechsel der persönlichen Glaubensüberzeugung. Diese Möglichkeit und der Dialog über solche Fragen sind kein Gift, sondern geradezu Schmieröl für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Überzeugungen. Das bestätigt übrigens auch die Forschung auf diesem Gebiet.

 

Interreligiöser Dialog soll das Ringen um Wahrheit nicht ausklammern, sonst könnten sich Religionsgemeinschaften auflösen und zu einer universalen «Anything-Goes-Community» zusammenschliessen. Diese hingegen wäre nicht nur eine Utopie, sondern geradezu gefährlich, weil sie den Menschen mit seinen persönlichen Überzeugungen nicht ernst nimmt.

 

Marc Jost, Generalsekretär SEA